Cheaters

Der Auftaktartikel zu unserer neuen Ausgabe, die am Sommerfest erscheinen wird. Falls ihr mehr erfahren wollt liked uns auf Facebook.

„Betrug“, sagt er. Einfach so. „ Woran denkst du dabei?“

Ich zögere, verwundert, wie er gerade jetzt darauf kommt. Wir sitzen Rücken an Rücken auf unserem Felsen und starren hinaus in die Nacht. Herausforderung und Neugier liegen in seiner Stimme, als er zu mir umdreht und seine Frage wiederholt: „Was ist für dich Betrug?“.

„Ich weiß nicht genau“, antworte ich langsam. Ich bin verunsichert und verstehe nicht, worauf er hinauswill. „Meinst du die Skandale in den Nachrichten? Gezielte Geheimhaltung und Lügen, damit sich einige wenige bereichern konnten?“ „Nein.“ Er schnaubt. „Obwohl diese Mistkerle echt gestoppt werden müssten. Aber mir geht es darum, wann für dich eine Tat Betrug ist. Wann du betrügst.“

Ich rücke ein Stück von ihm weg. „Ach ja? Du hältst mich für eine Betrügerin?“ Er muss die Abschätzung in meinen Worten gehört haben, denn er versucht, meine Hände zu ergreifen. Ich ziehe sie weg, verschränke die Arme vor der Brust. Er seufzt. „Sind wir nicht alle irgendwie Betrüger? Kein Mensch ist vollständig perfekt.“ Ich starre ihn an. Fassungslos. Will er mir etwa gerade auf diese schräge Art sagen, dass er untreu gewesen ist?

Als hätte ich meinen Gedanken laut ausgesprochen, fährt er in besänftigenderem Tonfall fort: „ Es ist nichts dergleichen vorgefallen. Das soll kein Geständnis werden. Aber ist es nicht interessant, dass für jeden die Grenze des Erlaubten woanders liegt? Manche Menschen fühlen sich von ihrem Partner schon betrogen, wenn dieser ihnen keine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.“ Ich löse mich aus meiner Abwehrhaltung. „Wenn du mich anlügen würdest, dann würde ich mich betrogen fühlen“, murmle ich. „Und was ist mit dann mit Notlügen? Oder wenn ich von der Wahrheit des Gesagten überzeugt wäre?“, hakt er nach. „Das ist doch etwas anderes“, entgegne ich. „Ach ja? Warum denn?“ Ich boxe ihn leicht in die Seite. „Na, es wäre eine andere Absicht dahinter. Du würdest mir nicht bewusst schaden wollen. Jetzt zufrieden?“

Er setzt zu einer Antwort an, bleibt aber dann doch still. Ich grinse in mich hinein. Gleich wird er wieder fragen, das weiß ich. Wenn ihn ein Thema so sehr beschäftigt, kann er es einfach nicht auf sich beruhen lassen. Ich lege mich mit dem Rücken auf den Felsen und schaue hoch zu den Sternen. „Einundzwanzig, zweiundzwanzig, …“, zählt die leise Stimme in meinem Kopf über das Schweigen zwischen uns hinweg.

„Aber jetzt nur mal so angenommen, könnte man den Betrug eigentlich abschaffen?“. Ich kann mein Lachen nicht unterdrücken, lasse mich aber auf das Gedankenspiel ein. „ Du gibst wohl nie Ruhe, was? Eine Welt ohne Betrug, hm… Es gäbe dann keinen Diebstahl mehr, keine Tricks und vermutlich auch keine Magier. Jeder würde die Wahrheit sagen, egal wie schmerzhaft sie in manchen Momenten auch wäre.“ „Aber wäre sie denn schwer zu ertragen? Wenn davor keiner betrogen wurde?“ Ich stutze und denke über seine Worte nach. Könnte man in s einer Welt andere Menschen enttäuschen? Sicher, auch wenn man nicht hintergangen wird…

Ein Kichern unterbricht meine Gedanken. „Was ist denn so witzig?“ will ich wissen. „Deinem Bruder würden all seine Ausreden nichts mehr nützen. Jeder wüsste, dass er einfach ein Faulpelz ist.“ Ich schmunzle. „Das stimmt. Und die Werbung wäre absolut ehrlich.“ „Kein verzweifeltes Schreiben  von Spickzetteln.“ „Keine Schwarzfahrer.“

Eine Weile geht das so weiter: Wir spinnen uns eine andere Welt zusammen, während wir dabei die Sterne und Flugzeuge am Nachthimmel beobachten. Als die Dämmerung einsetze, lasse ich mir von ihm aufhelfen. Ich schaue ihm direkt in die Augen, die auf einmal ganz dunkel sind vor Schmerz. Das Herumalbern von eben ist vergessen.  „Und was ist mit Mord?“, flüstert er und ich weiß, dass er nach all der Zeit noch immer an seine Eltern denkt. „Gäbe es in einer Welt ohne Betrug noch Mörder?“

Über Sabine Honka

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