Ein Jahr im Ausland – ein verlorenes Jahr?

Immer mehr Schüler im G8 gehen für mehrere Monate ins Ausland. Viele versuchen dabei,
mehr oder weniger erfolgreich, den deutschen Schulstoff parallel im Ausland mitzulernen. Meist geschieht das aus Angst, ein Jahr zu verlieren und damit erst später das Abi zu machen und zu studieren. Manche haben auch Bedenken, ihre Freunde zu verlieren und dann beim Zurückkommen in der neuen Klasse keinen Anschluss zu finden.
Ich habe mich bewusst von Anfang an dagegen entschieden, auf Probe vorzurücken, weil ich einerseits die doppelte schulische Belastung vermeiden, andererseits mich voll auf die französische Kultur konzentrieren wollte. Aufgrund meiner Entscheidung wurde ich des Öfteren mit der Meinung konfrontiert, dass das Jahr im Ausland verlorene Zeit sei, und ich diese Entscheidung später bereuen werde. Deswegen will ich an dieser Stelle meine Erfahrungen und Ansicht dazu darlegen.

Im Schuljahr 2015/2016, zwischen meiner 9. und 10 Klasse, war ich für acht Monate in Frankreich an der Côte d´Azur.
Sowohl meine Gastfamilien als auch meine Schule ,,Institution Saint Marie“ waren in einer kleinen Stadt, namens ,,La Seyne sur Mer“.
Die ersten 3 Tage verbrachte ich bei meiner ersten Gastfamilie, die mir unter anderem schon mal meinen neuen Schulweg zeigte und mir teilweise bei organisatorischen Aspekten wie beispielsweise einer französischen Handynummer oder der ersten Busfahrkarte half.
Ich hatte mich für ein Auslandsprogramm entschieden, bei dem ich unter der Woche im Internat der Schule, am Wochenende bei einer Gastfamilie gelebt habe. So hatte ich zum einen viel Kontakt mit Gleichaltrigen. bekam andererseits aber auch die Möglichkeit das südfranzösische Familienleben kennen zu lernen.

Durch meinen ungeplanten Gastfamilienwechsel, habe ich zwei französische Familien auch aus komplett unterschiedlichen Perspektiven kennen gelernt, und dabei viele Unterschiede festgestellt.
Am letzten Ferientag musste ich dann auch schon das erste Mal in die Schule, da es einen sogenannten Informationstag gab, im Prinzip so wie in Deutschland der erste Schultag. Wir wurden in unsere Klassen eingeteilt, anschließend durch die Direktorin begrüßt und über allgemeine Regeln der Schule informiert. Danach hat uns der Klassenlehrer noch jahrgangsspezifische Informationen gesagt und die Französischlehrerin gleich eine Pflichtlektüreliste für das Schuljahr ausgeteilt. Im ersten Moment kam ein Gefühl der leichten Überforderung auf, aber da die Bücher auf das ganze Schuljahr verteilt waren und der Lehrer immer einen Monat vorher noch einmal konkret das zu Lesende Buch ankündigte, war es vom Pensum schaffbar. Schon war der Vormittag rum und für die Externen ging es nach Hause. Die Internatsschüler mussten erneut in die Aula und haben dort Bekanntschaft mit dem hiesigen Chef und den Erziehern gemacht. Damit wir uns an unsere Zimmerkameraden gewöhnen konnten, haben wir bereits in der darauffolgenden Nacht im Internat übernachtet und sind am nächsten Morgen alle zusammen zum Schulbeginn gegangen. In der Schule war ich in der Troisième, was in Deutschland der 9. Klasse entspricht. Ursprünglich wollte ich in die 10 Klasse, da gab es aber ein Problem mit der Schülerzahl. Im Nachhinein betrachtet war die 9. ideal, da ich inhaltlich bereits den kompletten Schulstoff kannte, ihn meist in Deutschland noch viel stärker vertieft gelernt hatte und ihn somit meinen französischen Mitschülern erklären konnte. Das viele Reden und die hervorragende Klassengemeinschaft, wo jeder jedem geholfen hat, trugen enorm zu meinen Sprachfortschritten bei. Ich empfand die Schule als nicht so anstrengend wie in Deutschland, da der Schulalltag zwar länger war, es insgesamt aber mehr Pausen gab und die Mittagspause von 12-14.00 Uhr dauerte, sodass viel Zeit zum Essen, Entspannen und Kommunizieren war ( und natürlich auch zum kurzfristigen Wiederholen von Schulstoff, wenn man von der Parallelklasse vor einer Bio Ex gewarnt wurde).

Was im Gegensatz zu Deutschland im Schulleben auffällt ist, dass sowohl die Regeln strenger als auch, vielleicht gerade deswegen, die Schüler aufmüpfiger sind.
Beispielsweise durften wir in der Früh und nach den großen Pausen nicht alleine ins Klassenzimmer sondern mussten uns auf dem Pausenhof in Klassen geordnet aufstellen und wurden dann von den Lehrern abgeholt und in den Unterrichtsraum geführt. Außerdem gab es keine Freistunden oder Vertretungslehrer bei fehlenden Lehrern, sondern man musste in einen sogenannten Aufenthaltsraum der jeweiligen Jahrgangsstufe gehen und wurden da von dem verantwortlichen Erzieher (ebenfalls einer pro Jahrgang) beaufsichtigt.
All dieses Regeln haben Schüler natürlich nicht daran gehindert, Unsinn zu treiben, was die Fugen recht lustig machte. So ging unser Klassenzimmer im Erdgeschoss mit großen Fenstern in Richtung Pausenhof, sodass wir alle in der Pause wieder durch eines der Fenster kletterten, was wir im Unterricht, natürliche ganz aus Versehen offen gelassen wurde.
Das führte unter anderem dazu, dass in der 4. Stunde plötzlich Scheren im Schaumstoff der Decke hingen und die Lehrer nachdem sie es bemerkten, erst einmal alle aus dem Klassenzimmer schmissen, um die Gefahr zu beseitigen, um uns dann allen eine Stunde kollektives Nachsitzen zu verordnen, was jedoch dann nie stattgefunden hat. Auch nett war der Mathelehrer, der am Anfang einer Stunde vor Schreck fast einen Herzinfarkt bekam, als plötzlich eine Schranktür aufging und der Klassenclown daraus hervorsprang. In Zeiten eines auch in den Kinos herumgeisternden Clowns wird das freilich schon verständlicher.
Auch im Internat gab es strenge Regeln, so waren Jungs und Mädchen in zwei unterschiedlichen Gebäuden, die auch noch räumlich durch einen fünfminütigen Fußmarsch voneinander getrennt waren, untergebracht. Von Seiten der Jungs gab es zwar immer wieder Versuche, abends oder nachts zu den Mädchen zu kommen, die Erzieher haben darauf aber nur gewartet, sodass sie sie entweder direkt beim Verlassen des Gebäudes oder aber spätestens vor der verschlossenen Tür des Gebäudes der Mädchen wieder ,,eingefangen“ haben.
Auch das regelmäßige Erledigen von Hausaufgaben oder Vorbereiten auf Prüfungen sollte durch feste Lernzeiten am Abend unter Beaufsichtigung gesichert werden So mussten sich alle Schüler von der 6. Klasse(die 5. Klasse zählt noch zur Grundschule) zwischen 20.00 Uhr und 21.00 Uhr  im Hausaufgabenraum treffen, Jungs und Mädchen schon in ihren getrennten Gebäuden. Für Internetrecherche oder Informatik gab es einen separaten Computerraum, in den man aber nur nach Erledigung der restlichen Hausaufgaben kam.
In der Realität sah das dann aber ein bisschen anders aus: Meist wurde die volle Stunde nicht exakt eingehalten und auch die Computerregeln wurden geschickt umgangen. So täuschten beispielsweise viele ein Referat vor, um dann heimlich auf sozialen Netzwerkseiten unterwegs zu sein. Irgendwie haben es die meisten Schüler dann aber doch immer wieder hinbekommen, halbwegs gute Leistungen in den Schulaufgaben abzuliefern, wahrscheinlich durch intensive Lerneinheiten am Wochenende.

Aber das Leben besteht ja zum Glück nicht nur aus Schule, sondern es gibt ja auch Ferien und Wochenenden, wo man Zeit hat, die Gegend zu erkunden, oder etwas mit Freunden zu unternehmen.
Je nach Gastfamilie kann man das Pech haben, dass sie Gastschüler nur als finanzielle Einnahmequelle sieht, oder es andere Gründe gibt, warum ein Gastfamilienwechsel notwendig ist, was bei meiner ersten der Fall war. Mit meiner zweiten Gastfamilie hatte ich dann etwas mehr Glück, sie haben mich in die Familie integriert und während der Ferien nähergelegene Städte mit mir angeschaut. Ein Highlight war der Kurzurlaub in einer anderen Region Frankreichs, der Camargue, wo ich dann unter anderem meinen ersten Stierkampf gesehen habe. Es war immer ein Stier in der Arena, zusammen mit einem Wettkampfteilnehmer, welcher dann versuchen musste, eine Schleife zu bekommen, die zwischen den Hörnern gespannt war. Eigentlich war eine Art Holzwand aufgebaut, um Zuschauer und Tier zu trennen, es kam jedoch zu dem Fall, dass der Stier mit so viel Kraft dagegen gesprungen ist, dass sie zerbrochen ist. Daraufhin kam in der ersten Reihe etwas Panik auf, die aber zeitgleich mit der reparierten Wand wieder verschwand. Die französische Jugend ist, was Freizeitgestaltung angeht eigentlich genauso wie wir Deutschen. Die Hauptbeschäftigungen sind entweder Shoppen, Sport oder gemeinsame Kinobesuche. Gerade an den über die 8 Monate verteilten Kinobesuchen habe ich auch meine Fortschritte im Sprachverständnis gemerkt. Gegen Ende zu war es für mich genauso leicht, einen Film auf Französisch zu schauen, wie auf Deutsch, da die Bilder ebenfalls das Verständnis unterstützen.
Doch wie jedes Schuljahr hatte auch meine Zeit in Frankreich ein Ende, die letzten Tage vergingen wie im Flug, meine Klasse hat mich am letzten Schultag mit einer Abschiedsparty in der Turnhalle überrascht, wo wir eigentlich Sport hätten haben sollen, doch da auch der Lehrer eingeweiht war, ist ihnen die Überraschung komplett geglückt und ich war die Einzige, die an diesem Tag überhaupt Sportsachen dabei hatte.
Typisch französisch hatten einige Crêpes gemacht, und als Erinnerungsstütze an das Jahr hatten sie auch einen USB-Stick mit Fotos und sogar im Unterricht heimlich gemachten Videos (sie waren nicht nur vor den Lehrern geheim gehalten worden, auch vor mir) vom ganzen Schuljahr
Am nächsten Mittag ging es dann auch schon zum Flughafen nach Marseille und nach 1 Stunde 35 Minuten Flug war ich wieder zurück in Deutschland.
Kaum zu glauben, aber nach nur 8 Monaten im Ausland, und obwohl ich mit Freunden und Familie Kontakt gehalten und auch deutsch geredet hatte kam mir meine Muttersprache total fremd vor. Es  dauerte mehrere Wochen, bis ich wieder komplett  auf Deutsch gedacht habe und nicht meine Gedanken, auch teilweise mit französischer Grammatikstruktur, auf Deutsch übersetzt habe oder gleich ganz französisch gesprochen habe ohne es selber zu merken; bis dann von meinem Bruder der genervte Kommentar kam, dass ich in Deutschland und nicht mehr in Frankreich bin
Auch wenn ich in dieser Zeit nur vom Schulischen betrachtet nicht wirklich viel Neues gelernt habe, sehe ich es nicht als verlorene Zeit, da ich komplett andere Sachen kennengelernt, eine Sprache vertieft, viele neue Kontakte geknüpft und mich persönlich sehr stark weiter entwickelt habe.

Über Andrea Ritzer

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