Kaninchen auf langen Beinen

Eine Reportage von Clemensine Mittermaier und Lorenza Gladenbeck.

IMG_0153
©Lorenz Gladenbeck. Alle Rechte vorbehalten.

Es ist ein kühler Mittwochmittag. Die Sonne scheint und der Wind pfeift durch das Alpenvorland. Unweit der Garmischer Autobahn liegt der kleine Ort Berg-Mörlbach. Das kleine Dorf wird neben knapp 500 Menschen von 32 Alpakas bewohnt. Sie sind der Grund, warum wir uns für knapp eine halbe Stunde ins Auto gesetzt haben und jetzt zu Ferienbeginn frische Landluft atmen. Die kleine Alpakaherde gehört Familie Darchinger, die vor knapp 11 Jahren die Zucht als Hobby für sich entdeckte, welches sich mittlerweile zu einem kleinen Unternehmen entwickelt hat. Angekommen werden wir direkt von Frau Darchinger empfangen, um uns im Anschluss mit ungeeignetem Schuhwerk auf den Weg zur Weide zu machen. Diese steht samt Ställen am Ortsrand -, was sich für Landbewohner freilich von selbst versteht, nicht aber für unsereins. ¬¬Am Gelände angekommen blicken wir in 32 treue und riesengroße Augenpaare. Vor Entzücken entfährt uns ein „Süß, die sehen aus wie große Kaninchen auf langen Beinen“. Daraufhin werden wir aber fachmännisch aufgeklärt. Alpakas haben überhaupt nichts mit Kaninchen zu tun, sondern sind eine domestizierte Kamelform. Sie sind auch keine kleinen oder ausgewachsenen Lamas. Früher dachte man, die beiden Arten hätten als gemeinsame Ahnen das Guanako, durch DNA-Analysen wurde diese These aber widerlegt. In Wirklichkeit stammt das Alpaka vom Vikunja ab. Deswegen sind sie kleiner und schwächer und können somit auch nicht als Reittier verwendet werden. Spucken tun sie ebenfalls nicht.
Acht Alpakas entsprechen einer Großvieheinheit, also einer Kuh, im Platz- und Futterbedarf. Wenn man sich überlegt, sich ein Alpaka anzuschaffen, sollte man also mindestens einen Hektar Weidefläche zur Verfügung haben. Zwar kann man damit auch genug Heu ernten, um die Tiere zu überwintern, doch ein Alpaka allein ist selten glücklich. Deshalb sollte man mindestens drei kaufen, damit eine Herdenstruktur entstehen kann. Darüber hinaus brauchen Alpakas Abstand. Es ist nicht so, dass sie einen Mindestplatz benötigen, jedoch ist der Abstand relativ zum verfügbaren Platz und der Anzahl der Tiere. Sie sind keine Kuscheltiere, sie wahren ihren Eigenraum; gruppenkuscheln gibt es nicht. Dabei sind Alpakas durchaus sehr soziale Tiere. Sie machen eigentlich alles gemeinsam: ob essen, schlafen oder aufs Klo gehen. Sie sind auch reinlich, so haben sie einen festen Ort zum Stuhlgang, an dem sie dann auch nicht fressen. Auf diese Weise wird die IInfektionsgefahr durch Würmer und andere Parasiten vermindert. Neben einer medizinischen Grundversorgung und nahrungsergänzenden Futtermitteln benötigen Alpakas nicht viel mehr.
Doch es sind gar nicht das Pachtland oder die Nahrungsmittel, die Alpakas so teuer machen. Es ist die gerichtete Zucht auf ein bestimmtes Ideal der Faser oder des Körperbaus. Um dieses Ziel zu erreichen, wird der Deckservice in Anspruch genommen, laienhaft gesagt die „Alpakaprostitution“ der Hengste. Für schlappe 1000€ bekommt man eine Alpakastute geschwängert. Man sucht einfach das passende Männchen mit den richtigen Eigenschaften und paart es mit der gewünschten Stute. Doch oftmals setzen sich die richtigen Gene überhaupt nicht durch. Aus schwarz wird weiß, aus dichter Faser wird leichter Flaum. So ist das Leben. Dabei gibt es finanziell nach oben wenig Grenzen: für ein 08/15 Alpaka-Männchen zahlt man um die 400€ plus, ein schönes aus Deutschland kostet 600-1200€; aber die teuersten sind die amerikanischen Importe bzw. deren Kinder. Für solch ein Tier berappt man locker 150.000€. Die Kinder kosten wieder weniger, aber für eine Befruchtung durch einen „Ami“ muss man gut und gerne 5000€ hinblättern. Stuten können zu jeder Jahreszeit trächtig werden, allerdings trägt sie das Fohlen auch für elf Monate. Eine weitere Besonderheit eines Alpakas ist, dass sie ausschließlich vormittags gebären. Das liegt daran, dass die Mutter, anders als bei anderen Tieren, ihre Fohlen nicht trocken leckt. In den Anden, wo große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht herrschen, erfrieren die Jungtiere in der Nacht, wenn sie erst nachmittags oder gar nachts geboren werden.

IMG_0155
©Lorenz Gladenbeck. Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Jahr war für Familie Darchinger besonders nervenzerreibend. Eine Stute vergaß anscheinend, dass sie soeben ein Baby zu Welt bringen wollte und ihre Venen setzten aus. Ein anderes Fohlen verdrehte die Beine und konnte ebenfalls den Mutterleib nicht von alleine verlassen. In beiden Fällen war der Tierarzt nicht zu erreichen, also musste Frau Darchinger selber Hand anlegen. Unter ihrem Einsatz ging alles noch einmal gut und beide Muttertiere samt Kindern überlebten. Doch warum genau betreiben die Züchter so einen großen Aufwand für die Alpakas? Kurz gesagt, es geht um die Wolle der Alpakas.
Wegen dieses Felles werden Alpakas seit Jahrhunderten von den Anden-Völkern wie den Inkas gezüchtet. Darum wurden dann auch nach der Kolonisation durch die Spanier die Alpakas nach Nordamerika exportiert. Dort wurde sehr bald mit der Züchtung begonnen, auf der Suche nach dem perfekten Fell, mit der perfekten Farbe und der perfekten Faser. Daraufhin wurden Alpakas nach Australien geliefert, wo das Fell effizienter verarbeitet werden sollte, weshalb man sich auf eine weiße Farbe festlegte. Denn weiß lässt sich im Gegensatz zu braun oder schwarz leicht färben. So gibt es in Australien große Herden weißer Alpakas. In Europa gibt es nur einen sehr kleinen Markt für Alpakawolle, das liegt wechselseitig an den wenigen Züchtern und daran, dass die Wolle in vielen verschiedenen Naturfarben nur in kleinen Mengen verarbeitet werden kann; entweder in kleinen Betrieben oder selber per Hand. Der Alpaka-Zuchtverband Deutschland wurde 2001 gegründet und bietet den Züchtern eine Plattform zur Organisation. Außerdem wird jedes Jahr eine Alpaka-Zucht-Show abgehalten, auf der die schönsten Alpakas Deutschlands bewertet und prämiert werden.
Das Geheimnis der Alpakawolle liegt in den Umständen der Anden. In den hohen Bergen gibt es wie bereits erwähnt warme Tage und sehr kalte Nächte. Durch diese Temperaturunterschiede von bis zu 30 Grad ist das Fell sehr isolierend und wärmespeichernd. Darüber hinaus ist es sehr saugfähig, das bedeutet, dass es 80% seines Eigengewichts an Flüssigkeit aufnehmen kann, ohne feucht zu werden. Deshalb wird es gerne für Bettdecken verwendet. Ganz billig sind sie aber nicht; bis zu 350€ zahlt man für ein besonders exklusives Schlaferlebnis.
In den vergangen Jahren erschien der Trend, Alpakas aufgrund ihres sanften Charakters für Therapien mit Menschen mit Behinderungen, wie zum Beispiel Autismus, zu verwenden. Zuvor wurden überwiegend Pferde eingesetzt. Über entsprechende Erfolge gibt es aber noch nicht genügend Studien, die aussagekräftig wären.
Natürlich gibt es auch andere Motivationsgründe für Alpakazüchter. Familie Darchinger bietet regelmäßig Kurse über die Alpakahaltung an, in denen man lernt, wie man die Tiere hält, pflegt und züchtet. Dieses Angebot nutzen vor allem Leute mit großen Grundstücken, die ein neues Hobby suchen und vielleicht den ein oder anderen Schönheitswettbewerb damit gewinnen wollen. Aber eines ist klar: reich wird man mit der Alpakazucht nicht.

 

Über Redaktion

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.